Keynote von Hans-Joachim Otto

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Hans-Joachim Otto, anlässlich der Auftaktveranstaltung zum Technologieprogramm "Trusted Cloud" des BMWi am 04. Oktober 2011, um 10:40 Uhr in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren,

Haben Sie schon mal von der IKT-Dividende gehört? Hierbei geht es darum, dass Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) die Produktivität um etwa ein Drittel stärker anheben als andere Investitionen. Zum diesem Ergebnis sind Forscher des Wirtschaftsforschungsinstituts Oxford Economics gelangt.Es zeigte sich, dass die Länder, die am stärksten in IKT investieren, auch die höchsten Zuwächse bei der Arbeitsproduktivität erzielen. Und dies wiederum ist für unser Wirtschaftswachstum ganz zentral. Cloud Computing kann ein wichtiger Treiber für höhere Technologieinvestitionen sein.  In keinem anderen Segment des IT-Marktes gibt es aktuell derart hohe Umsatzzuwächse wie bei Cloud Computing. Unternehmen müssen keine teuren Software-Lizenzen mehr erwerben. Und sie müssen keine energiehungrigen Rechenzentren selbst einrichten. Stattdessen können sie genau die Software mieten, die sie gerade brauchen – und zwar die jeweils aktuelle Version. Und auch nur solange, wie sie die Software gerade brauchen. Das ist ein gewaltiger Paradigmenwechsel in der IT.

Derzeit gibt es ziemlich viele Umfragen zu Cloud Computing.Tendenziell sind die Umfrageergebnisse ziemlich optimistisch. Ein einheitliches Stimmungsbild geben sie allerdings nicht wieder. Ein kürzlich veröffentlichtes Meinungsbild hat mich jedoch etwas nachdenklich gestimmt.

Beim HP Cloud Index haben rund 70 Prozent der befragten mittelständischen Unternehmen geantwortet, dass sie keine wirklichen Vorteile im Cloud Computing sehen. Aber: Je mehr sich ein Unternehmen mit Cloud Computing bereits auseinander gesetzt hat, desto eher sieht es einen Vorteil in der Nutzung. Hier wollen wir ansetzen: Mit dem Technologieprogramm "Trusted Cloud", das Sie alle aktiv mitgestalten. Wir wollen Cloud-Lösungen, die innovativ, sicher und auch rechtskonform sind. Und dabei ist der Mittelstand explizit unsere Zielgruppe. Deshalb sitzen viele von Ihnen ja auch hier. Das heißt, Ihre Projekte sollen zu Referenzprojekten werden, zu Good-Practice-Beispielen. Sie sollen zeigen, wie man Cloud Computing sinnvoll und praxistauglich einsetzen kann. Und dass es viele Fälle gibt, in denen eine Cloud-Lösung einer On-Premise-IT einfach überlegen ist. Damit sollen Sie den deutschen Mittelstand überzeugen. Indem Sie Lösungen entwickeln, die auf die spezifischen Anforderungen des Mittelstands eingehen und dazu passen. Sozusagen aus dem Mittelstand – für den Mittelstand. Dann werden auch die Umfragen hoffentlich anders aussehen und die Vorteile werden klar.

Aufgrund der großen Chancen von Cloud Computing haben wir uns im Bundeswirtschaftsministerium diesem Topthema bereits frühzeitig angenommen.Gemeinsam mit Wirtschaft und Wissenschaft haben wir im Rahmen von Strategiegesprächen wichtige Chancen und Herausforderungen diskutiert.

Mit Hochdruck haben wir so das Aktionsprogramm Cloud Computing erarbeitet. Dabei war uns wichtig, die Perspektiven der IT-Anwender als auch die der IT-Anbieter zu berücksichtigen. Neueste Erkenntnisse aus der Wissenschaft haben wir ebenfalls aufgenommen. In 4 Handlungsfeldern arbeiten nun Wirtschaft, Wissenschaft und Politik eng zusammen bei der Gestaltung der notwendigen innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen für Cloud Computing in und aus Deutschland.

Der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie persönlich hat das Aktionsprogramm Cloud Computing im Oktober 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt – gemeinsam mit den Partnern BITKOM, CIOcolloquium und Fraunhofer Allianz Cloud Computing

"Trusted Cloud" ist der zentrale Beitrag des Wirtschaftsministeriums zum Aktionsprogramm. Bei unseren 14 Projekten sind überall Mittelständler beteiligt. Das ist uns ganz wichtig. Und wie die zitierte Umfrage zeigt, auch absolut notwendig. Sie sollen sozusagen als "Avantgarde" vorangehen. Und dazu haben Sie sich überaus interessante Anwendungsbeispiele vorgenommen. Zum einen Anwendungen, die sich besonders im industriellen Bereich eignen. Andere explizit für den Wachstumsmarkt Gesundheitswirtschaft. Und auch für den öffentlichen Sektor haben wir konkrete Beispiele.

Viele davon lassen sich in andere Anwendungsbereiche übertragen. Andere haben so spezielle Anforderungen, dass sie für ganz bestimmte Einsatzgebiete passen. Für alle diese Anwendungen sind letztlich eine Menge an Basistechnologien notwendig. Grundlagen wie identity management und diverse Sicherheitsfeatures werden prinzipiell für alle Cloud-Angebote benötigt. Und so greift eins ins andere. Welche Projekte sich im Einzelnen dahinter verbergen, werden Sie später noch hören.

Dem BMWi ist es ein zentrales Anliegen, gute Rahmenbedingungen zu setzen. Die Rollen zwischen Staat und Unternehmen müssen klar verteilt sein. Der Staat stellt die Weichen. Die Bits und Bytes müssen die Unternehmen selbst auf die Reise schicken. Zu den richtigen Rahmenbedingungen gehört ein freier Wettbewerb. Der leidet zum Beispiel, wenn man an einen bestimmten Anbieter gebunden ist. Das wollen wir vermeiden. Jeder soll seine Daten jederzeit mitnehmen können, wenn er seinen Anbieter wechseln möchte. Und jeder soll Dienste verschiedener konkurrierender Anbieter miteinander kombinieren können. Dies geht nur bei offenen Schnittstellen und Interoperabilität. Das ist eine von vielen Herausforderungen, denen wir bei der Nutzung von Cloud Computing derzeit noch begegnen. Neben Standards sind auch Themen wie IT-Sicherheit, neue Geschäftsmodelle und der Rechtsrahmen für Sie alle wichtig.

Diese Querschnittsthemen werden wir mit Arbeitsgruppen angehen, in denen Sie vertreten sein werden. Die Arbeitsgruppen werden von Fachleuten des Kompetenzzentrums Trusted Cloud geleitet. Die Kollegen des Kompetenzzentrums werden sich heute Nachmittag selbst noch vorstellen. Bei den Arbeitsgruppen kommt es auf Ihre Mitarbeit an. Tragen Sie dazu bei, dass wir bei diesen wichtigen Querschnittsfragen weiterkommen.

Mit Trusted Cloud gehen wir nun den zweiten Schritt beim Internet der Dienste. Angefangen haben wir im Jahr 2007 mit dem Programm THESEUS, das neue Technologien für das zukünftige Internet der Dienste entwickelt. THESEUS hat das Ziel, den Zugang zu Informationen zu vereinfachen, Daten zu neuem Wissen zu vernetzen und die Grundlage für die Entwicklung neuer Dienste im Internet zu schaffen. Mit semantischen Basistechnologien aus THESEUS lassen sich Texte, Bilder, Sprache, Töne, Videos und Web-Services auf ihre Inhalte hin auswerten, einordnen und verknüpfen. Computerprogramme können damit Informationen nicht nur, wie heute üblich, mit Hilfe von Schlagwörtern oder Inhaltsfragmenten finden. Sie können auch eigenständig deren Bedeutung ermitteln, sie in Beziehung zu anderen Informationen setzen, als Ordnungssysteme modellieren und nach bestimmten Regeln logische Schlüsse daraus ziehen.
Eine der dafür wichtigen Neuentwicklungen von THESEUS dient zur Beschreibung von Web-Services. Daraus ist nicht nur eine Ontologie hervorgegangen, sondern auch eine universelle Beschreibungssprache für Web-Services. Ich meine USDL.

Unter der Bezeichnung "Unified Service Description Language" (USDL) entwickelte THESEUS einen Standardisierungsvorschlag zur Vereinheitlichung der Beschreibung von Diensten. So können diese im Internet eindeutig identifiziert, leicht miteinander verknüpft und einfacher kombiniert werden. 

Auch bei Cloud Computing geht es um Dienste qua definitionem: Software-as-a-Service, Platform-as-a-Service und Infrastructure-as-a-Service tragen es schon in ihrem Namen.

THESEUS hat damit wichtige Grundlagen für Trusted Cloud gelegt. Einige von Ihnen bauen mit Ihren Projekten darauf auf, was mich sehr freut. Prof. Terzidis wird auf die Verbindung von THESEUS und Trusted Cloud in seinem Vortrag näher eingehen.

Zukünftig können also alle Möglichen Arten von IT-Ressourcen und Anwendungen als Dienst über das Internet bezogen werden. Dieser Paradigmenwechsel braucht neue Geschäftsmodelle und neue Geschäftsprozesse. Eine echte Herausforderung also für etablierte IT-Anbieter als auch für die IT-Anwender. Gleichzeitig bedeutet Wandel aber auch neue Chancen. Und die wollen wir mit Trusted Cloud nutzen. Bereits jetzt besteht ein hohes Interesse der Fachöffentlichkeit an Trusted Cloud. Und auch international werden unsere Aktivitäten sehr genau wahrgenommen.  

Ich denke, dies zusammen ist genug Motivation für uns alle. Wir wollen, dass Trusted Cloud ein erfolgreiches Technologieprogramm des BMWi wird. Wir wollen Referenzprojekte, die zeigen, wie man Cloud Computing sinnvoll einsetzen kann. Und dazu zählt jeder einzelne Beitrag von Ihnen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und gutes Gelingen!