Keynote Hans-Joachim Otto

Rede von Hans-Joachim Otto, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, beim Jahreskongress Trusted Cloud des BMWi am 8. November 2012, um 10:10 Uhr.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Prof. Kempf,
sehr geehrter Herr Dr. Endres,
sehr geehrter Herr Prof. Kagermann,
dear Dr. Stančič,
sehr geehrte Damen und Herren,

der CIO von Daimler, Dr. Michael Gorriz, sagte kürzlich "Über Cloud ist wirklich alles geschrieben worden, was jemals geschrieben werden musste". Die gleiche Beobachtung wie Herr Gorriz machen wir alle: Die IT Zeitschriften und Internetseiten sind seit einiger Zeit voll mit dem Thema. Und auch über die Vor- und Nachteile von Cloud Computing für Unternehmen ist schon viel gesagt und geschrieben worden.

Daher haben wir für die heutige Veranstaltung einen anderen Ansatz gewählt.Wir wollen mit Ihnen über die Bedeutung von Cloud Computing für die gesamte Wirtschaft diskutieren. Denn Cloud Computing ist längst kein reines IT Thema mehr.

Welche Relevanz hat Cloud Computing also gesamtwirtschaftlich gesehen und welchen Nutzen schafft der Einsatz von Cloud Computing?

Wir haben die Veranstaltung daher "Cloud Computing als Standortfaktor" genannt. Ein Standortfaktor beeinflusst – wie der Name schon sagt – massgeblich die Standortwahl eines Unternehmens. Im harten Wettbewerb um Arbeitsplätze und Steuereinnahmen konkurrieren Länder und Regionen um die Neuansiedlung und das Halten von Unternehmen vor Ort. Die Informations- und Kommunikationstechnologien als Teil der Infrastruktur spielen hier eine zentrale Rolle.

Zu den Zusammenhängen zwischen der IKT und der Gesamtwirtschaft gibt es eine Reihe von Studien. 

Die IKT Branche beschäftigt mehr Erwerbstätige als die Automobilindustrie. Für die gewerbliche Wertschöpfung ist der IKT Sektor der zweitwichtigste überhaupt. Investitionen in IKT sind für 22 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstums verantwortlich.

Damit wird klar, dass die IKT als Querschnittstechnologien eine zentrale Bedeutung für die Produktivität der Unternehmen und somit auch für das Wirtschaftswachstum haben. Zum einen trägt die IKT-Branche selbst maßgeblich zum Wirtschaftswachstum bei. Zum anderen ist sie sog. "Enabler" ["Ermöglicher"] für alle anderen Branchen.

Aufgrund der Vielfalt der IKT und ihrer weitreichenden Einsatzmöglichkeiten sind sie oftmals Grundlage für Innovationen in den anwendenden Unternehmen und Branchen. Sie tragen so zur Leistungsfähigkeit der gesamten Wirtschaft bei.

Wie sieht das nun für Cloud Computing aus? Cloud Computing ist trotz des reichen Schrifttums eine relativ neue Entwicklung. Es gibt bisher keine Erhebungen über längere Zeiträume hinweg und es ist schwierig, hier seriöse Aussagen zu treffen.Von daher könnte man sich zunächst von einer anderen Seite nähern. Eine zentrale Grundlage für alle Cloud-Dienste ist eine schnelle Internetverbindung. Und zur gesamtwirtschaftlichen Bedeutung von Breitbandanschlüssen gibt es zwei zentrale Aussagen:

  1. Es lässt sich ein ökonomisch bedeutsamer Effekt von Breitbandinfrastrukturen auf das Wirtschaftswachstum ableiten. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass eine Erhöhung der Breitbandnutzungsrate um zehn Prozent das jährliche Wirtschaftswachstum pro Kopf um rund ein Prozent ansteigen lässt.
  2. Ein weiterer Hinweis stammt aus Umfragen bei Unternehmen. Breitband spielt für die befragten Unternehmen als Standortfaktor eine außerordentlich wichtige Rolle. Inzwischen beziehen nahezu alle Unternehmen das Thema Breitband-Infrastruktur in ihre Standortüberlegungen mit ein.

Dies alles zeigt, das auch für Cloud Computing ein hohes wirtschaftliches Potenzial besteht. Zunächst hat sehr früh also schon vor vielen Jahrzehnten der Faktor "K" = Kommunikation – d. h. die Einführung und Verbreitung des Telefons – weltweit zu einer erheblichen Senkung der Transaktions- und Koordinationskosten geführt.
Dann hat der Faktor "IKT" in einem weiteren Schritt durch ein breitbandiges Internet die schnelle und kostengünstige Übertragung großer Datenmengen ermöglicht.

Cloud Computing geht deutlich darüber hinaus. Der ort- und endgeräteunabhängige Zugriff auf Unternehmensdaten faktisch in Echtzeit führt zu einer neuen Stufe flexiblen und mobilen Arbeitens – und damit zu einem weiteren Sprung bei der Steigerung von Produktivität.

Ein wichtiger Vorteil von Cloud Computing ist, dass man nicht mehr selbst teure IT Infrastruktur vorhalten und aktualisieren muss. Stattdessen kann man IT über das Internet quasi aus der Wolke beziehen und dabei seine eigene Wunsch-Infrastruktur immer wieder neu zusammenstellen. Das führt in der gesamten Wirtschaft zu stets neuester IT-Verfügbarkeit, zu höherer Flexibilität und Agilität – übrigens auch (grundsätzlich) zu größerer Datensicherheit. Auch das kollaborative Arbeiten, beispielsweise von regional verteilten Teams, wird durch Cloud Computing deutlich einfacher und effizienter. Und eine hübsche Nebenwirkung ist die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gleichzeitig können durch Cloud Computing junge und mittelständische Unternehmen auf Technologien zugreifen, die bislang nur großen Unternehmen vorbehalten waren.

Damit könnte auch Cloud Computing zu einem wichtigen Standortfaktor werden. Professor Kretschmer wird in seinem Vortrag heute Mittag näher darauf eingehen, welche Auswirkungen Cloud Computing im Einzelnen auf die Gesamtwirtschaft haben wird. 

Wenn man nun die Herausforderungen für den Einsatz von Cloud Computing betrachtet, dann liegen einige in der Wirtschaft selbst. Dazu gehören beispielsweise neue Geschäftsmodelle und der Aufbau von Vertrauen bei potenziellen Kunden. Bei anderen ist möglicherweise auch die Politik gefordert.

Ich sehe zwei zentrale Herausforderungen aus gesamtwirtschaftlicher Sicht für die Nutzung von Cloud Computing, bei denen auch die Politik eine Rolle hat. Die rechtlichen Herausforderungen von Cloud Computing spielen in der aktuellen Diskussion eine sehr große Rolle. Cloud Computing wirft komplexe rechtliche Fragestellungen auf. Der ganze Bereich des Datenschutzes ist hierbei zentral. Aber auch das Vertragsrecht, das Urheberrecht und weitere Bereiche werden tangiert.

Rechtssicherheit ist letztlich ein Schlüsselfaktor für den Erfolg von Cloud Computing. Daher haben wir diesem wichtigen Gebiet eine eigene Veranstaltung gewidmet, die morgen stattfinden wird. Sie sind herzlich dazu eingeladen.

Die zweite zentrale Herausforderung für die Nutzung von Cloud Computing ist die Standardisierung. Hier stellen sich Fragen nach der Interoperabilität von Diensten und der Portabilität von Daten. Der Nutzer erwartet, dass er seinen Anbieter beliebig wechseln kann. Der sog. "Lock-in"-Effekt soll vermieden werden. Dazu muss er seine Daten in geeigneter Form von einem Anbieter zu einem anderen transferieren können. Oder alternativ auch zurück ins eigene Unternehmen. Zum anderen möchte der Anwender auch Dienste unterschiedlicher Anbieter miteinander kombinieren können.

Beide Bereiche betreffen ein zentrales Merkmal unserer Wirtschaft: den Wettbewerb. Nur wenn dieser gegeben ist, können Unternehmen innovative Angebote zu guten Preisen erhalten. Hierbei spielt die Standardisierung eine zentrale Rolle. Daher wollen wir bei diesem Thema zukünftig verstärkt tätig werden und uns zunächst im Rahmen der europäischen Standardisierungsaktivitäten aktiv einbringen.

Das sind große Aufgaben, die sich nicht von heute auf morgen werden lösen lassen. Ich kann Ihnen aber versichern: Wir sind dran! Gemeinsam mit Ihnen wollen wir den Standort Deutschland stärken. Aktuell schneiden wir bei Cloud Computing sehr gut ab.

Wir liegen international auf dem dritten Platz, direkt hinter Japan und Australien. Und noch vor den USA. Den wollen wir natürlich halten und nach Möglichkeit sogar weiter ausbauen.Und dafür sind alle Unternehmen, die in Deutschland an Cloud Computing arbeiten, ganz wichtig. Deutschland als Handelsnation ist international stark und unsere Exporte sind ein bedeutender Pfeiler der Wirtschaft.

Das sollte auch unser Ziel bei Cloud Computing sein. Daher spreche ich mich deutlich gegen Überlegungen wie eine sogenannte "deutsche Cloud" aus. Protektionistische Ansätze haben uns noch nie gut getan. Es mag ja im Wettbewerb ein starkes Marketingargument sein, wenn eine Cloud deutsch oder sogar regional organisiert ist. Aber vorschreiben sollten wir das als marktwirtschaftliche Handelsnation nicht.

Beide Bereiche – der Rechtsrahmen und die Standardisierung – hat auch die Europäische Kommission als zentrale Herausforderungen für den Einsatz von Cloud Computing identifiziert.

Ich freue mich sehr, dass Dr. Stančič heute hier ist und uns die neue Cloud Computing-Strategie der Europäischen Kommission näher erläutern wird.

Den zweiten Teil der heutigen Veranstaltung haben wir komplett den Trusted Cloud-Projekten gewidmet. Wie viele von Ihnen bereits wissen, hat das Bundeswirtschaftsministerium vor einem Jahr das Technologieprogramm Trusted Cloud gestartet. Vertrauen in die Cloud ist zentral für den Erfolg der Cloud.

14 Projekte entwickeln und erproben innovative, sichere und rechtskonforme Cloud-Lösungen. Dabei sind an jedem Projekt neben IT Unternehmen auch Anwender-Unternehmen und Wissenschaftler beteiligt. Gerade der Mittelstand ist stark vertreten. Die Anwendungen decken ein breites Spektrum ab: von Industrie und Handwerk über Gesundheit bis zum öffentlichen Sektor. Gleichzeitig wird auch an einigen grundlegenden Technologien geforscht – beispielsweise Verschlüsselungen und Authentifizierung. Es werden sich heute insgesamt vier Projekte vorstellen, die Ihnen exemplarisch einige Einsatzmöglichkeiten für Cloud Computing demonstrieren.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Veranstaltung!