Delegationsreise ins Silicon Valley

Vom 28. Oktober bis 2. November 2012 besuchten Mitglieder des Technologieprogramms Trusted Cloud und der Projektgruppe Cloud Computing der Arbeitsgruppe 2 des Nationalen IT-Gipfels das Silicon Valley (USA). Durch Gespräche mit Pionieren des Cloud Computing sollten neue Trends aufgespürt und den Projekten des Technologieprogramms zur Verfügung gestellt werden. Verfolgen Sie die Delegationsreise mit unserem Online-Tagebuch.

29. Oktober 2012

Teilnehmer der Delegationsreise im KonferenzraumAm ersten Tag unserer Delegationsreise besuchten wir Amazon in Cupertino. John Morgan (Vice President and Associate General Counsel) stellte mit seinen Kollegen Mark Mildenberger (Associate General Counsel) und Saskia Horsch (Senior Manager EU Public Policy) das Amazon Web Services (AWS) Geschäftsmodell vor. Ein Schwerpunkt lag dabei auf bekannten Referenzkunden wie der NASA, Dropbox und NASDAQ, womit die Breite der Anwendungsmöglichkeiten demonstriert wurde.

Die Cloud-Dienste von Amazon weisen sehr hohe jährliche Wachstumsraten auf, so dass in den nächsten Jahren die Bedeutung der Web Services im Gesamtkonzern stark zunehmen wird. Durch eine sehr hohe Innovationsrate und ein schnelles Time to Market stieg die Anzahl der verfügbaren Cloud-Dienste in wenigen Jahren stark an.

Das Unternehmen verfügt über eine klare Strategie für ein genau abgegrenztes Produktportfolio, welches global ausgerichtet ist. Amazons Cloud-Dienste sind generell nicht spezifisch auf die Besonderheiten einzelner Länder zugeschnitten. Zielgruppe sind insbesondere kleine und mittelgroße Unternehmen, zunehmend aber auch größere Unternehmen. Amazon bietet vor allem Infrastrukturdienste an (IaaS), wobei das Produktportfolio zunehmend Plattformdienste (PaaS) umfaßt. Vor wenigen Monaten hat Amazon den AWS Marketplace neu eingeführt, auf dem wie in einem Online-Shop die AWS-Kunden und -Partner vorkonfigurierte Software suchen, kaufen oder bereitstellen können, die auf der AWS-Infrastruktur laufen.

Intensiv wurde diskutiert, wie Vertrauen in Cloud Computing geschaffen werden kann. Nach Erfahrungen von Amazon kann dies insbesondere durch Bildungs- und Zertifizierungsmaßnahmen geschehen. Beispiele für Bildungsangebote sind online verfügbare Case Studies, Whitepapers und ein Security Center. Darüber hinaus verfügt Amazon über eine Reihe von branchenweit anerkannten Zertifikaten und Audits (u.a. PCI DSS Level 1, ISO 27001, FISMA Moderate, HIPAA, SAS 70 Type II), die auch einen wichtigen Beitrag zur Schaffung von Vertrauen leisten.

Den Nachmittag verbrachten wir bei Oracle. Joseph Alhadeff ist Vice President and Global Public Chief Privacy Officer bei Oracle und gleichzeitig Experte in der Business Select Group von EU Kommissarin Kroes. Er stellte die Diskussionen zum Entwurf der EU-Datenschutzverordnung und zur Europäischen Cloud Computing-Strategie vor.

30. Oktober 2012

Gruppenfoto auf einer TreppeDer zweite Tag startete mit einem Besuch bei RisingTide Systems in Menlo Park. Das Unternehmen entwickelt Software für Storage-Systeme und ist damit Zulieferer für Cloud-Anbieter. Die angebotenen Systeme basieren auf dem RisingTide LIO Unified Target Modul (unterstützt die Protokolle iSCSI, Fibre Channel, FCoE, InfiniBand, etc.), welches der neue SAN-Standard in Linux ist.

RisingTide ist ein stark wachsendes Unternehmen. Marc Fleischmann, CEO von RisingTide ist davon überzeugt, dass die verschiedenen dedizierten Komponenten von IT-Systemen wie Connectivity und Speichersysteme zukünftig zusammenwachsen werden. Daher ist die Vision von RisingTide, dass Speichersysteme zukünftig verstärkt als Software-Applikationen angeboten werden und RisingTide will diesen Markt bedienen.

Marc Fleischmann ist als Deutscher seit mehr als 20 Jahren im Silicon Valley und kennt die Unterschiede zwischen amerikanischer und deutscher Gründerszene aus eigenen Erfahrungen. Intensiv wurden die Bedingungen für Gründer im Silicon Valley und in Deutschland diskutiert. Für Marc Fleischmann gibt es drei wichtige Erfolgsfaktoren für den Erfolg der Region: Talent, innovative Technologie und Kapital. Diese seien wiederum die Grundlage für die ausgeprägte Gründerkultur im Silicon Valley, in der Investments erfolgreicher abgeschlossen werden als in Deutschland. Diese Lücke sei bedauerlich, da in Deutschland bestens ausgebildete Fachleute zu finden seien.

Am Nachmittag waren wir zu Gast bei Blue Jeans Network in Mountain View. Wir sprachen mit Imran Moin, Director Business Developement und Stu Aaron, Chief Commercial Officer.

Das Unternehmen betreibt einen cloud-basierten Videokonferenzdienst der so kompatibel und einfach zu bedienen ist wie herkömmliche Telefonkonferenzen. Dabei bleibt es dem Nutzer überlassen welche Endgeräte er nutzen möchte: der Dienst benötigt lediglich eine Internet Verbindung und ist ansonsten kompatibel mit allen gängigen Videokonferenzsystemen (bspw. Cisco, Polycom), von herkömmlichen Raumsystemen bis hin zur mobilen Skype Applikation auf dem Tablet oder Telefon, oder einfach über den Internet-Browser und Webcam. Damit macht Blue Jeans Network eine Reihe existierender, oftmals proprietärer Videokonferenzdienste miteinander kompatibel.

Für Imran Moin sind Interoperabilität, einfache Bedienbarkeit für den Nutzer, skalierbare Architekturen und die Umsetzung wichtiger Sicherheitsfunktionalitäten die erfolgskritischen Faktoren zum Aufbau des Videokonferenzdiensts. Skalierbare Architekturen sind für Start-Ups unverzichtbarer Bestandteil zur Umsetzung flexibler Geschäftsmodelle und damit zum flexiblen Up- und Downscaling. Kunden erwarten von Videokonferenzdiensten eine hohe Sicherheit, so dass Blue Jeans Network Ende-zu-Ende-Verschlüsselung anbietet und für besondere Bereiche zertifiziert ist. Der Dienst wird in Deutschland unter dem Namen VideoMeet angeboten.

31. Oktober 2012

GruppenfotoDer dritte Tag unserer Delegationsreise startete bei Cisco in San José. Cisco wurde 1984 im Silicon Valley gegründet und gilt als einer der Pioniere des Cloud Computings. Mit Rebecca Jacoby, CIO Cisco sowie Phil Harris, Vice President und CTO Cloud & Systems Management Technology Group sowie Daniel P. Kent, Director und CTO Public Sector Engineering diskutierten wir Ciscos Sicht auf die Entwicklung des Cloud Computings. Für Cisco leben wir in einer "Welt der vielen Clouds", die Menschen und Unternehmen innerhalb einer Cloud, zwischen Clouds und über die verschiedenen Clouds hinweg miteinander vernetzt.

Cisco hat daher die Vision einer offenen Netzwerkumgebung. Eine offene Netzwerkumgebung bietet das Potenzial, das Unternehmensnetzwerk zu einer Antriebsfeder für Innovation zu verwandeln - es ist programmierbar und anwendungsorientiert. Mit dem Cisco Open Network Environment (ONE) versucht Cisco die Intelligenz des Netzwerks in vollem Umfang zu nutzen, da es umfassenden, programmgesteuerten Zugriff auf die entsprechenden Funktionen ermöglicht. ONE umfasst eine Auswahl an Protokollen, Branchenstandards und Bereitstellungsmodellen, die sich an die verschiedenen Anwendungsfälle anpassen lassen, z. B. OpenFlow für den Trend Software-defined Networking (SDN).

Nach Phil Harris wird ein wichtiger Trend die Verschmelzung der Themen Cloud Computing, Mobility und Cyber Security sein. Cloud Computing wird durch die hohe Anzahl unterschiedlicher Devices zunehmend mobil und muss - um Vertrauen zu schaffen - im Netzbereich eine hohe Sicherheit bieten. Eine unabdingbare Voraussetzung ist hierfür ein Ausbau der Breitbandnetze. Standardisierungsprozesse des NIST und das Federal Risk and Authorization Management Program (FedRAMP) sind für all jene Anbieter von Cloud Services wichtig, die Cloud Services direkt oder indirekt US-Bundesbehörden anbieten. Im reinen Privatsektor spielen sie direkt keine Rolle, da sich aber Branchenstandards wie z.B. PCI und HIPPA daran orientieren und inhaltlich zum Teil deckungsgleich sind, gewinnen diese Sicherheitsanforderungen an Bedeutung auch für die Privatwirtschaft.

1. November 2012

Gruppenfoto am Ufer eines Sees mit einem Boot daraufAm vierten und letzten Tag der Delegationsreise besuchten wir Oracle in Redwood Shores. Begrüßt wurden wir durch Jürgen Kunz, Senior Vice President Northern Europe & Managing Director Germany. Nach einer aktuellen Gartner-Studie ("IT Metrics: IT Spending and Staffing Report, 2012", Gartner Research, 2012)  investieren immer noch viele Unternehmen mehr als 60% ihres gesamten IT-Budgets in bestehende IT-Systeme, um diese "am Laufen" zu halten. Es verbleiben nur ca. 16% des IT-Budgets für Investitionen  in neue Innovationen.

Gleichzeitig verändert Cloud Computing die Geschäftsmodelle von Unternehmen, ähnlich wie die IT-Trends Mobilität, Social Networking und Big Data. Um auf diese Veränderungen vorbereitet zu sein, ist es nach Kunz erforderlich, die Komplexität der IT zu senken. Hier sieht er einen wesentlichen Beitrag von Cloud Computing.

Sandeep Banerjie, Senior Director Product Management Cloud Computing stellte das Oracle Cloud B2B Business Modell vor. Nach Sandeep Banerjie bestimmen die Megatrends Globalisierung, Mobilität, Modernisierung, Soziale Interaktion und Big Data die Digitalisierungsdebatte. Diese Megatrends sind Treiber für das Cloud Computing.

Oracles Cloud Computing Strategie beruht auf drei Ecksäulen:

  1. Cloud Computing Lösungen müssen in Unternehmen einsetzbar sein. Dazu müssen sie (ausfall-)sicher, verfügbar, skalierbar, performant und interoperabel sein.
  2. Kunden müssen eine einfache Wahlmöglichkeit zwischen der Nutzung von Clouds oder auch "on-premise" haben, je nach aktuellen Anforderungen an den Betrieb ihrer IT und des jeweiligen Sicherheitsniveaus. Gleichzeitig können diese Cloud-Angebote in die eigene IT- Infrastruktur eingebunden werden oder bei Bedarf kann on-premise Software in die Cloud verlagert werden.
  3. Software- und Hardware-Cloud-Lösungen sind bei Oracle aufeinander abgestimmt. 

Ein besonderes Augenmerk richtet das Unternehmen auf das Thema Sicherheit in der Cloud. So können z.B. Speicher und Datenverkehr verschlüsselt werden, auf Datenbank Level ist ein Data Masking möglich.

Am Nachmittag besuchten wir Ericsson in San José. Mats Alendal, Director Cloud Strategy Execution, Stephan Baucke, Senior Research Engineer und Martin Körling, Vice President and Head of Ericsson Research Silicon Valley empfingen uns.

Für Mats Alendal sind Mobilität, Breitband und Cloud Computing die Grundlagen für die Networked Society.

Ericsson, so Alendal, erwartet für die Mobile to Mobile (M2M)-Kommunikation in den kommenden Jahren ein hohes Wachstum. Cloud basierte Software-as-a-Service Geschäftsmodelle können Eintrittsbarrieren für Nutzer von M2M Kommunikation über mobile Netzwerke verringern. Solche Cloud basierten Modelle verringern notwendige Investitionen und erlauben schnellere Markteintritte in den M2M-Markt.

Um den Herausforderungen zu begegnen hat Ericsson verschiedene Cloud-Produkte entwickelt. Dazu gehört bspw. die Mobile Cloud Accelerator Lösung, welche mobilen Netztwerkbetreibern erlaubt, Inhalte mit einer verbesserten Quality of Experience zu liefern. Ericsson will dadurch auch neue Geschäftsfelder für Telcos unterstützen, indem die Monetarisierung von Service-orientierten Netzwerken erleichtert wird.

Vorgestellt wurde auch das verteilte Cloud Testbed, welches sich durch isolierte, virtuelle Rechenzentren, flexible WAN-Verbindungen, Virtuelle Private Clouds und automatisches Deployment und SLA-Management auszeichnet.